Schusterjunge, Witwe & Durchschuss – das bedeuten diese Begriffe in der Typografie

Autor: Tanja
Lesezeit: 3min

„Bevor ich heute meinen Entwurf erfolgreich abgeben konnte, musste ich zuerst einmal das Hurenkind eliminieren. Leider ist mir der Durchschuss ebenfalls nicht gelungen.“

Du verstehst nur Bahnhof? So geht es sicher vielen. Es handelt sich dabei um die Beschreibung einer Vorgehensweise in der Textbearbeitung. Im obigen Fall musste das Layout neu überarbeitet werden und der gesamte Text neu geschlichtet werden. Das bedeutet die Absätze werden neu gesetzt, sodass die Hurenkinder verschwinden. Außerdem kann der Zeilenabstand erhöht werden, um den Durchschuss zu vergrößern. Dies garantiert eine bessere Lesbarkeit.

Das Hurenkind, der Durchschuss oder Zeilendurchschuss, sowie der Schusterjunge, welcher sich auch gerne ab und zu in Texten einschleicht, sind gängige Begriffe aus dem Bereich der Typografie. Da heute der Beruf des Schriftsetzers durch Layout-Programme, wie zum Beispiel InDesign, abgelöst wurde, werden auch die Begriffe nicht mehr so häufig benutzt. Trotzdem wirst du im heutigen Beitrag dafür gewappnet, auch bei solch exotischen Bezeichnungen mitreden zu können.

 

 

Hurenkind und Schusterjunge

Im Grunde sind alle diese Begriffe im Bereich des Druckhandwerks und Schriftsetzen entstanden. Aber was bedeuten sie?

Das Hurenkind, auch als Witwe bezeichnet, beschreibt die letzte Zeile eines Absatzes, welcher unterbrochen wird und alleine auf der neuen Seite oder Spalte steht. Dieses Phänomen stört den Lesefluss, da der Satz ohne sinnvollen Kontext auf der neuen Seite fortgesetzt wird. LeserInnen müssen gegebenenfalls zurückblättern, um einerseits den ganzen Satz in einem Zug lesen zu können und andererseits um den gesamten Kontext zu verstehen. Aus optischer Sicht fällt ein Hurenkind sofort auf und wirkt wie ein modischer Unfall auf der Textseite.

 

 

Der Schusterjunge, auch als Waise bezeichnet, beschreibt die erste Zeile eines neuen Absatzes, welche unterbrochen wird und auf der nächsten Seite oder Spalte fortgesetzt wird. Dies fällt zwar häufig nicht so auf, kann aber auch den Lesefluss stören, wenn man auf dieser Seite das Lesen beginnt. Es wird Schusterjunge genannt, weil sich die Zeile so vorwitzig, wie ein Schusterjunge, auf die vorhergehende Seite wagt.

 

 

Ein weiterer sehr gewagter Begriff ist Durchschuss. Und nein, dabei wird niemand verletzt. Mit Durchschuss oder auch Zeilendurchschuss wird die Distanz zwischen zwei oder mehreren untereinander folgenden Zeilen bezeichnet. Im Gegensatz zum Zeilenabstand, was häufig verwechselt wird, wird der Durchschuss von der Unterkannte der p-Linie zur Oberkante der H- bzw. k-Linie der Buchstaben gemessen. Dieser beeinflusst maßgeblich den Grauwert und somit die Lesbarkeit eines Schriftsatzes.

 

Wie beeinflusse ich den Durchschuss?

Du kannst den Durchschuss in deiner Angabe des Zeilenabstandes berücksichtigen. Bei +6pt Zeilenabstand bedeutet das: bei einem Text mit 18pt hast du einen Zeilenabstand von 24pt. Der Durchschuss beträgt also +6pt.

 

 

Nützliche Tools

Indem man die Absätze oder Umbrüche anders setzt, kann man die Hurenkinder und Schusterjungen entfernen. Außerdem gibt es professionelle DTP-Satzprogramme, wie zum Beispiel InDesign. Aber auch für alle Word-Liebhaber gibt es eine leichte Lösung, um einen Text perfekt zu layouten.

In Microsoft Word existiert ein automatisiertes Werkzeug zur Absatzkontrolle. Man kann über „Start“ > „Zeilen- und Absatzabstand“ die „Absatzkontrolle“ aktivieren. Verfügt man über weiterführende Kenntnisse, kann man das Problem auch mit manuellen Einstellungen beheben. Durch die Anpassung von Kerning, Laufweite, Durchschuss und Zeilenumbruch, kann man das Layout eines Textes beeinflussen.

Hat man wirklich alles versucht, aber die lästigen Anhängsel wollen nicht verschwinden, dann nutzt als letztes Mittel nur mehr eine Texterweiterung oder Kürzung.

Und nochmal für alle Wordbesitzer: Es gibt auch da die Möglichkeit den Zeilenabstand genau anzugeben.

 

 

Conclusio

Falls du GrafikerInnen und TexterInnen einmal über Hurenkinder und Schusterjungen schimpfen hörst, weißt du nun, dass er oder sie niemanden beleidigen möchte. Hier werden im Normalfall einfach mal ein paar Fachausdrücke durch die Gegend geschleudert. Zum Abschluss findest du hier noch eine gute Merkhilfe für die Unterscheidung von Schusterjunge und Hurenkind: „Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße“.

 

Elefanten-Tipp:

Es gibt auch ein paar Faustregeln, die leicht zu merken sind, um ein Layout perfekt für LeserInnen zu gestalten:

- Je länger die Zeilen, desto größer sollte der Zeilenabstand sein
- Achte darauf, dass der Zeilenabstand nie gleich der Schriftgröße ist
- Der Standard für den Zeilenabstand ist häufig 120% der Zeichengröße, also z.B.: 12pt bei 10pt Schriftgröße
- Ein deutschsprachiger Text braucht aufgrund der vielen Versalien prinzipiell mehr Zeilenabstand